8. März 2016

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Interview mit Erika Baum zur Bedeutung des Frauenkampftages.

POSITION: Bereits 1908 beschlossen in den USA Frauen der sozialistischen Partei Amerikas sich für das Frauenstimmrecht einzusetzen, Ende Februar 1909 demonstrierten sie mit einem nationalen Kampftag für dieses Ziel. Nach einem Beschluss auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen gab es im März 1911 auch in einigen Ländern Europas erste Frauentage, die für die Agitation für das Frauenwahlrecht genutzt wurden. Heute gibt es schon lange das allgemeine Wahlrecht. Worin siehst du die Notwendigkeit des 8. März als Frauenkampftag heute?

Erika: Schon vor der Einführung des Wahlrechts auch für Frauen hat dieser Tag eine Bedeutung als Aktionstag für den Frieden bekommen. Seit dem Beginn des ersten Weltkrieges 1914 spielte er eine bedeutende Rolle im Kampf gegen den Krieg. Die internationale Frauenbewegung machte diesen Tag zu einem aktiven Antikriegstag. Und die reale Gefahr des Krieges existiert weiterhin und wir müssen uns dagegen organisieren. Daher ist der 8. März auch heute noch der Tag der Frauen, die um das Leben kämpfen, gegen die Gefahr des Krieges.
Des Weiteren spielte und spielt auch immer noch der Kampf um wirkliche Gleichstellung eine große Rolle, denn die Gleichberechtigung der Frau existiert an vielen Stellen nur auf dem Papier als rein formale Gleichstellung. Es gibt hingegen so viele Gesetze, die die Ausbeutung um verschiedene Teilaspekte verschärft. Von der Kinderbetreuung, über Qualifizierungsmaßnahmen und unbezahlte Praktika. Die bürgerliche Auffassung von Freiheit und Emanzipation beruht auf einer rein formalen Gleichstellung, die aber nichts an der Ungleichbehandlung in manchen Lebensbereichen ändert. Sie verschärft durch diesen formalen Deckmantel eher das Problem. Die Frauenquote wird beispielsweise auch nur zur Verdeckung der wirklichen Herrschaftsverhältnisse genutzt. Immer noch findet man Frauen wenig in Führungspositionen und wenn dann noch eher in der Politik als in der Wirtschaft. Angela Merkel vertritt als Kanzlerin auf das Beste die Interessen des Monopolkapitals und unter Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin wird die kriegerische und ausbeuterische Politik des Kapitalismus noch auf die Spitze getrieben. So wird mit der Besetzung dieser Positionen durch eine Frau die Kriegspolitik noch verharmlost.

POSITION: Was sind deiner Meinung nach Voraussetzungen für eine wirkliche Gleichberechtigung.

Erika: Eine wirkliche Gleichberechtigung erreichen wir erst, wenn wir als Gesellschaft die materiellen Bedingungen dafür bereitstellen. Auch im Osten haben sich zu DDR Zeiten die Ökonomen darüber aufgeregt, dass es viel teuer ist Kindergärten zu finanzieren, als einfach nur das Kindergeld zu erhöhen. Dennoch haben wir das Ziel der gesellschaftlich organisierten Kinderbetreuung durchgesetzt, um allen Frauen eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen und aktiven Berufsleben zu ermöglichen. Außerdem muss klar sein, dass im Kapitalismus die Unterdrückung der Frau Methode hat. Sie wird genutzt um die Arbeiterklasse zu spalten.

POSITION: In vielen politischen Organisationen ist der Anteil von Frauen geringer als der der Männer. Was meinst du, wie man Frauen erreichen kann?

Erika: Wenn ich mich heute mit jungen Frauen unterhalte höre ich immer wieder eine gewisse Perspektivlosigkeit heraus, die Schwierigkeiten einen Arbeitsplatz – trotz erfolgreich abgeschlossener Ausbildung bzw. Studium – zu finden. Dasselbe gilt natürlich auch für junge Männer, aber dennoch lastet die Aufgabe der Reproduktionsarbeit, also der Pflege und Erziehung von Kindern oft noch zum großen Teil auf den Frauen. Um Frauen zu erreichen müssen wir sie fragen, was ihre Sorgen und Nöte sind, um daran ansetzen zu können. Wir müssen herausfinden, was ist an der Lage der Frauen momentan das charakteristische ist um gemeinsame Kämpfe zu organisieren.
Ich sehe da als ein Problem die voranschreitende Individualisierung: In der Gesellschaft nimmt die Vereinzelung zu. In den Medien wird das Bild des Individualisten vermittelt, der selbst für seine Taten verantwortlich sein. Diese theoretische Heraushebung des Individuums trägt zu einer Entsolidarisierung bei und das ist das gefährliche an dieser Demagogie. Wir müssen an dieser Stelle überlegen, wie wir Bedingungen schaffen, die das Alleinsein aufbrechen können. Ich sehe da als eine wichtige Sache den gemeinsam erlebten Kampf. Die Teilnahme an Demonstrationen und Streiks bei denen man die Kraft der Solidarität ganz praktisch erleben kann. Das ist innerhalb dieses von Konkurrenzkämpfen lebenden Kapitalismus notwendig.

POSITION: Aus deiner Erfahrung heraus, wie muss sich die junge Arbeiterin heute zum Kampf für ihre Interessen organisieren?

Erika: Wir müssen genau analysieren, wie die Lage der Frauen heute ist. Wir dürfen die allgemeinen Fragen des Klassenkampfes nicht aus dem Auge verlieren. Ich könnte es begrüßen, wenn ein paar Genossinnen und Genossen sich zusammen hinsetzen und gemeinsam überlegen, wie wir als kommunistische Partei oder als sozialistischer Jugendverband mehr Frauen erreichen können. Man müsste vorher die Inhalte solch einer Arbeitsgruppe formulieren und es muss klar sein, dass es nicht nur die Sache der Frauen allein ist, um eine stärkere Organisation unter Frauen zu kämpfen, sondern die aller GenossInnen. Unsere Stärke ist dabei, wie Clara Zetkin schon analysierte, dass wir als Proletarier gegen Ausbeutung und um Gleichberechtigung der Frauen gemeinsam mit den Männern unserer Klasse kämpfen. Im Gegensatz zu den Frauen des Bürgertums, welche die Emanzipation gegen die Männer ihrer Klasse durchsetzen müssten.
Ich möchte auch jungen Menschen vermitteln, dass der Kampf um die Emanzipation der Frau auch der Kampf um das Menschsein ist. Wir kämpfen auch um das Recht der Männer, sich nicht in das klischeehafte Bild des Mannes im Gegensatz zur Frau einspannen lassen zu müssen. Auch dafür, dass man sich als Mann zu Warmherzigkeit und Zärtlichkeit öffentlich bekennen kann.

POSITION: „Unter den Bedingungen der Ausbeuterordnung waren und sind Frauen nie so frei wie im Kampf.“ Wie verstehst du diese Aussage?

Erika: An dieser Stelle denke ich immer an das Bild der Rotarmistin auf dem Weg nach Berlin. Es verdeutlicht sehr gut, dass diese als Teil einer Bewegung eine starke Frau geworden ist, die sich nicht so einfach unterdrücken lässt. Sie ist Beispielgebend, bereit für die Menschen einzutreten und sich für ihre Interessen einzusetzen.
Es ist unsere Aufgabe als KommunistInnen nicht nur beim Singen zu betonen, dass die Internationale das Menschenrecht erkämpft. Wir müssen in Gesprächen mit den Menschen, mit Männern wie Frauen die Ansatzpunkte entdecken, die sie uns zu Genossen und Genossinnen macht. Dabei ist es wichtig die Erfahrung der Menschen zu beachten und gemeinsam zu nutzen. Diese Anknüpfungspunkte in der Masse zu finden, das ist unsere Aufgabe.

Das Interview führte
Tine, Berlin

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