30. Januar 2016

Über die Waffen Daimlers gegen die eigene Belegschaft und deren Gegenwehr.

Mercedes-Stern_Stuttgart-Moehringen_2005

Es ist 00:30 Uhr in der Nacht des 12. Dezember 2014. Es ist kalt und Regen liegt in der Luft. Etwa 1300 Kolleginnen und Kollegen von Daimler in Bremen haben sich zu einer Kundgebung auf der LKW-Zufahrt zum Werk versammelt. Sie haben die Arbeit niedergelegt. Spontan, ohne Vorbereitung, aber geschlossen. In dieser Nacht wird im Bremer Werk nicht gearbeitet.
Keine zwei Stunden vorher: Der Betriebsrat hält eine Informationsveranstaltung für die Nachtschicht ab. Die Unternehmensleitung will neue Aufträge an Fremdfirmen vergeben und den Logistikbereich ausgliedern. Alles, was nicht direkt mit der Produktion zu tun hat, soll von anderen, billigeren ArbeiterInnen erledigt werden. Eine Kollegin sagt: „Wir sind eine Belegschaft, die können uns doch nicht immer weiter zerstückeln!“ und bringt damit die Stimmung der meisten treffend zum Ausdruck. Keiner will jetzt einfach weiter arbeiten – und so ziehen sie gemeinsam von Halle zu Halle und holen alle heraus zum Protest gegen die Fremdvergabe von 143 Stellen vor das Werkstor.
Zukunft 2020
Die Pläne sind ein weiterer Schlag ins Gesicht für die Belegschaft. Seit Jahren schon versucht die Konzernleitung der Daimler AG die Last auf die Schultern der ArbeiterInnen in den Werken zu erhöhen. „Zukunftsbild Werk Bremen“ nennt der Vorstand seinen Plan. Neben vielen Maßnahmen zur Effizienzsteigerung der Arbeit, enthält er auch die Reduzierung auf das Kerngeschäft des Automobilbaus. Immer mehr Arbeitsbereiche sollen an Fremdfirmen ausgegliedert werden, zum Beispiel Küchen und Kantinen, sowie die Logistik. Auch Produktionserweiterungen sollen künftig nicht etwa durch Neueinstellungen abgedeckt, sondern von vornherein fremdvergeben werden. „Es handelt sich hier um ein Paket, mit dem die Konzernleitung Milliarden sparen will.“ erklärt Gerhard Kupfer. Er hat lange im Betrieb in Bremen gearbeitet und war Mitglied im Betriebsrat. Jetzt ist er im Ruhestand, doch untätig ist er nicht. Er setzt sich weiter für die Rechte seiner KollegInnen ein. Von Fremdvergaben hält er nichts: „Fremdvergabe bedeutet, dass dieselbe Arbeit, die zuvor von unseren KollegInnen gemacht wurde, als Werksvertrag an eine andere Firma vergeben wird. Doch die zahlen natürlich weniger als Daimler. Auch gelten für sie nicht die Tarifverträge und Rechte, die wir hier über die Jahre mit der IG-Metall erkämpft haben.“ Eine gespaltene und entrechtete Belegschaft ist die Folge.
Am laufenden Band
In der Produktionshalle wird im 67-Sekundentakt gearbeitet. Die KollegInnen bei Daimler sind im Schnitt um die 50 Jahre alt und kennen sich in der Regel schon lange. Sie bauen gerne Autos, doch sie sind am Ende jeder Schicht richtig ausgelaugt. Fordert die Konzernleitung als Gegenleistung zu Investitionen in die Standortsicherung von den Beschäftigten neben 92 Sonderschichten für 2016 auch noch eine höhere Effizienz, dann heißt das auf Deutsch: eine höhere Stückzahl und damit eine höhere Geschwindigkeit am Band. „In der Montage bleibt schon jetzt kaum Zeit, mal einen Schluck Wasser zu trinken,“ weiß Gerhard zu berichten, „und die Kollegen müssen um Ablösung kämpfen, wenn sie mal auf Toilette müssen. Es ist eine ganz hohe Ausbeutung der Menschen.“ Die Belastung am Fließband halten viele KollegInnen auf Dauer nicht aus. Von den knapp 13.000 Beschäftigten in Bremen sind um die 2.000 KollegInnen leistungsgemindert, sie haben also gesundheitliche Einschränkungen, hunderte sind sogar schwerbehindert. Bisher gab es die Möglichkeit, die KollegInnen innerhalb des Unternehmens auf einen Arbeitsplatz mit leichter Tätigkeit – nicht am Fließband – zu versetzen, zum Beispiel in die Vormontage oder in die Logistik zum Staplerfahren. Mit der Fremdvergabe solcher Tätigkeiten fallen diese Optionen weitestgehend weg, es bliebe nur die Alternative zurück ans Band. Für manche ist das aber keine Option mehr.
Anfänge der Gegenwehr
Vor dem Betriebstor sammeln KollegInnen Unterschriften. Eine Gruppe von Vertrauensleuten und Betriebsratsmitgliedern will sich gegen die Pläne des Vorstands wehren, unter ihnen Gerhard Kupfer. Innerhalb von zwei Stunden sammeln sie über 5000 Unterschriften. Viele KollegInnen unterschreiben schnell. Ihnen ist klar, dass Auslagerungen auch ihre Jobs gefährden. „Manchen muss man es erst erklären“, meint Gerhard. „Leiharbeit und Werkverträge sind nicht nur Mist, weil das für die betroffenen Kollegen selbst viel weniger Lohn und Arbeitsrechte wie Kündigungsschutz bedeutet, sondern sie setzen auch die Stammbelegschaft enorm unter Druck.“ Ihm ist es wichtig, die Frage der Fremdvergabe mit der Diskussion um die Leiharbeit zu verknüpfen. Erfahrungsgemäß sind rund 90 % der Beschäftigten in fremdvergebenen Tätigkeitsbereichen Leiharbeiter. Das fällt am Ende allen auf die Füße: Die Aufteilung der Belegschaft in verschiedene Unternehmen hilft der Unternehmerseite die Löhne zu drücken und die Rechtlosigkeit der Leiharbeiter ist auch ein Angriff auf die Rechte der Stammbelegschaft. Von den rund 763.000 Beschäftigten in der Autoindustrie sind schon jetzt ca. 100.000 als LeiharbeiterInnen und 250.000 über Werkverträge beschäftigt. Diese Unterschriftenaktion ist wichtig, um die KollegInnen zu informieren. Für manche ist die Unterschrift der erste Schritt sich für die eigenen Interessen einzusetzen. Und ab jetzt wird in den Schichten, vor allem in der Nachtschicht, viel diskutiert.
Geschlossen(heit) demonstrieren
Der Druck aus der Bremer Belegschaft steigt weiter an. Im November 2014 wird es dann konkret. 143 Logistiker sollen ausgegliedert werden. Die Forderungen der KollegInnen, etwas zu unternehmen, bringen den mehrheitlich sozialpartnerschaftlich eingestellten Betriebsrat dazu, in allen Schichten Informationsveranstaltungen zur geplanten Fremdvergabe abzuhalten. Die Arbeit ruht kurz. Doch das reicht den ArbeiterInnen in Bremen noch nicht. Zu oft gab es schon faule Kompromisse mit den Bossen.
Entsprechend ist die Stimmung auch auf der Kundgebung vor dem Werkstor. Man müsse ein Zeichen setzen. Viele wollen die Arbeit nicht wieder aufnehmen. Die Frage zu möglichen Abmahnungen wird kurz diskutiert. Ein Vertrauensmann tritt ans Mikrofon: „Mit den Abmahnungen kannst du zwei Sachen machen,“ sagt er, „du kannst dir den Arsch damit Abwischen oder sie dir an die Wand hängen und deinen Kindern und Enkeln den aufrechten Gang lehren.“ Damit gibt er die Haltung der meisten Anwesenden wieder. Es wird abgestimmt. Um 1:00 Uhr nachts gehen sie geschlossen. Damit ist die komplette Nachtschicht ausgefallen.
Das Nachspiel
Kurz vor Weihnachten kommt die Post von der Werksleitung. 761 KollegInnen erhalten die Abmahnungen, quasi als Weihnachtsgabe, mit dem Vermerk, dass eine wiederholte Aktion dieser Art ein Kündigungsgrund sei. Die Personalabteilung sucht die Rädelsführer. Einzeln holt sie die MitarbeiterInnen wie Verdächtige zum Verhör. Doch die KollegInnen halten solidarisch zusammen. Ein Personalsachbearbeiter fasst nach etlichen Gesprächen entnervt zusammen: „Ich weiß schon. Sie haben nichts gehört, Sie haben nichts gesehen – es war ja dunkel und sie standen ganz hinten.“
Von der IG-Metallführung gibt es weniger Rückendeckung als von den KollegInnen. Sie gewährt den Abgemahnten keine Rechtsbeihilfe, da es sich bei ihrer spontanen Arbeitsniederlegung ohne Aufruf der Gewerkschaft um einen sogenannten „wilden Streik“ gehandelt hat. Doch auch ohne die Unterstützung der Gewerkschaft klagen die KollegInnen gegen die Abmahnungen. „Die Solidarität der Stammbelegschaft mit den LeiharbeiterInnen ist nun auch zu einer Frage des Streikrechts geworden“, freut sich Gerhard Kupfer, „das war lange überfällig!“. Denn so restriktiv wie hier ist die Handhabung des Streikrechts nirgendwo in Europa. Überall ist es völlig klar, dass Beschäftigte sich aus Protest gegen Angriffe der Unternehmer versammeln dürfen – nur nicht in Deutschland.
Nachahmenswert
Es ist voll bei der Betriebsversammlung im Daimler LKW-Werk in Wörth in der Pfalz. Diskutiert wird über die Entlassung von 350 Leiharbeitern. Die Forderung der Mitarbeiter ist eindeutig: sofortige Übernahme statt Entlassung! Der minutenlange tosende Applaus in Solidarität mit den Leiharbeitern beeindruckt auch Gerhard: „In der Form hat es das bei uns auch noch nicht gegeben, es ist Klasse, wie die Belegschaft zusammen steht.“ Und er fügt an: „Sie machen es hier genau richtig. Wir müssen uns alle gemeinsam wehren, nicht nur in Bremen, nicht nur in Wörth, sondern in allen Werken.“ Denn es herrscht Krieg in der Autoindustrie. Daimler will im Vergleich zu Audi und BMW Boden gut machen. Um diesen Kampf zu gewinnen, sollen die ArbeiterInnen immer schneller und immer effizienter bei immer weniger Lohn arbeiten – nicht nur in Bremen haben schon viele verstanden, dass sie für Daimlers Kampf bluten sollen. Doch das wollen sie nicht mehr mitmachen.

Tine, Berlin

Konto des Bremer Kampffonds: Anja Luers, Berliner Volksbank, IBAN: DE67 1009 0000
5650 0040 02, Stichwort: Streikrecht

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